Spielsucht bei World of Warcraft

Wenn es um das Thema World of Warcraft geht, scheint es in erster Linie zwei Meinungen zu geben: Die einen sind begeistert, die anderen warnen. Unter den Fans befinden sich vor allem Spieler, unter denen, die negativ reagieren, in erster Linie Menschen, die dieses Spiel noch nie gespielt oder näher gesehen haben. Hand in Hand mit dem häufigsten Kritikpunkt, der Zeitverschwendung, geht der Aspekt der Spielsucht. Und hier finden sich dann auch Berichte ehemaliger Spieler, die zum Nachdenken anregen können, von Kritikern leider aber auch ganz platt missbraucht werden können: „Seht ihr, WoW macht doch süchtig.“

Einer der bekanntesten Fälle im Netz ist Andy aka. Tinitus von EU. Frostwolf, der im Forum von Blizzard seine Leidensgeschichte publiziert hat: WoW – Der soziale Verfall eines Menschen. Es spricht für Blizzard, dass sie dieses Posting nicht zensiert haben. Als ich der Story zum ersten Mal in einem Blog begegnet bin, hielt ich sie für einen Fake, da aus meiner Sicht für einen Spieler typische Angaben fehlen. Die Originalquelle im Forum macht aber klar, dass es stimmt. Und man sieht, dass hier wirklich ein Spielsüchtiger zugange gewesen sein muss: Denn der Untote Level 60 Schurke hat mit „Klinge der Horde“ beispielsweise den höchstmöglichen PvP-Rang inne. Um dies zu erreichen, muss man richtig viel Zeit in dieses Spiel investieren.

Dies wird auch aus seinem Bericht klar. Er startete so:

Mein Name ist Andy, ich bin 22 Jahre alt, lebe in einem sehr geordneten & harmonischen Familienhaushalt, bin ein überdurchschnittlicher Schüler, wiege 80 Kg und treibe seitdem ich auf 2 Beinen stehen kann regelmäßig Sport auf fast schon professioneller Basis. Laut des letzten Fitnesstest wurde mir ein biologisches Alter von 20 Jahren errechnet, bei einer überdurchschnittlichen Kondition, was auch darauf zurück zu schließen ist, dass ich weder rauche, noch Alkohol trinke.

Bereits nach drei Monaten ist WoW sein neues Hobby und er schwänzt immer öfter das gemeinsame Abendessen mit den Eltern. Nach einem Jahr ist er seine Freundin los. Nach zwei Jahren sieht das Fazit so aus:

Ich habe keinen meiner alten Freunde mehr, von meiner damaligen Freundin ganz zu schweigen. Ich habe nach 16 Jahren meinen Sport aufgegeben, führe meine Hobbys nicht mehr aus und das Klavier wurde seit mehr als 1 Jahr nicht mehr angefasst. Ich habe 15 Kg zugenommen und beim Fitnesstest vor 2 Wochen (den ich aus eigenem Interesse absolvierte) ein biologisches Alter von 28 bestätigt bekommen.

In Andys Biografie ist auf den ersten Blick keine Anfälligkeit für Süchte erkennbar. Genau hier liegt ein Fehler vieler Süchtiger. Wer hat nicht schon den Satz gehört: „Das kann mir nie passieren.“ Potentielle Abhängigkeiten können aber viele Gründe haben – beispielsweise auf der systemischen Ebene – und sind oftmals erst dann erkennbar, wenn sie auftreten, die Person also bereits ihre Sucht lebt.

Süchtig kann man nach vielem werden. Ob nach Alkohol, Nikotin, Cannabis, Fernsehen, Sex, Schokolade, Anerkennung, Macht – alles, was unser Belohnungssystem in irgendeiner Form antriggert, uns schöne Gefühle macht, ist ein potentielles Suchtmittel. Aus meiner Sicht ist es dumm, etwas – oft nur vordergründig – deshalb zu verbieten. Klar, es gibt Drogen mit einem extrem hohen Sucht- und Schädigungspotential wie Nikotin und Heroin. Dabei ist es – wie im letzterem Fall – gar nicht die Droge allein, sondern die mit dem Gebrauch einhergehenden Probleme aufgrund gesellschaftlicher Ächtung oder rechtlicher Repressalien.

Insofern kann jedes Spiel und natürlich auch World of Warcraft zu einem Suchtmittel werden. WoW mag hier ein stärkeres Potential haben als beispielsweise Freecell, Solitair oder Minesweeper. Einerseits durch den Stufenaufbau des Spieles („Nur noch dieses Level, dann hör ich auf“), den Gruppenzwang bei Raids, der es erforderlich macht, das Reallife (RL) nach dem Virtuellen Leben (VL) auszurichten (hat Blizzard glücklicherweise mit BC etwas entschärft) und den Wunsch nach noch besseren, tolleren Items. Andererseits durch die Faszination dieser Welt an sich, den Wunsch nach Fantasie, der bereits ein Garant für den Erfolg von Harry Potter und Herr der Ringe darstellte. Bei WoW liest man nicht nur von Zauberern, hier kann man selbst Magier sein! Ist für einige Stunden kein Mensch, der vielleicht seine Brötchen in einem langweiligen Büro verdient, sondern ein Elf, der auf der Suche nach Abenteuer durch die Wälder streift.

Als ich erstmals von diesem Spiel hörte, war mir seine Faszination sofort klar. Ein oder zwei Jahre schlich ich herum wie die Katze um den heißen Brei, bis es dann soweit war und ich einstieg. Einen Monat meines Lebens (komplette Spielzeit umgerechnet) verbrachte ich in diesem Spiel und habe kaum etwas davon bereut: Ich spielte, lernte, lachte, hatte schöne Begegnungen, die sich auch auf das reale Leben auswirkten. Weiterhin arbeitete ich, machte Sport, hatte Beziehungen. WoW ersetzte bei mir vor allen Dingen das Schauen von Filmen. Ich ersetzte eine Kulturtechnik durch eine andere. Aktives Spielen statt passives Glotzen.

Das Zauberwort für erwachsene Spieler heißt schlicht und ergreifend Selbstdisziplin. Hier ein paar Beispiele für Regeln, die ich jedem erwachsenen Spieler empfehlen kann und die mir geholfen haben, Spaß am Spiel zu haben und dennoch weiterhin ein erfolgreiches und erfülltes Leben:

  1. Reales Leben ist wichtiger als virtuelles Leben.
  2. Richte das Spiel nach deinem Leben aus, nicht dein Leben nach dem Spiel.
  3. Begrenze deine Spielzeit: Wenn du berufstätig bist oder noch zur Schule gehst, spiele werktags erst nach dem Abendbrot. Und dann auch nicht zu lang. Größere Instanzen oder Raids möglichst nur am Wochenende oder in den Ferien bzw. Urlaub.
  4. Sei nicht jeden Tag online, auch nicht, um „kurz mal ins AH zu schauen“.
  5. Esse niemals beim Spielen am PC.
  6. Meide Gilden, die Mindest-Onlinezeiten vorschreiben, vor allem, wenn sie – wie im Fall von Andi – wirklich lange Onlinezeiten verlangen. Solche Gilden sind nichts anderes als Vereinigungen von Spielsüchtigen, die Suchtverhalten massiv fördern.
  7. Nimm dir Auszeiten. Mach beispielsweise ganz normalen Urlaub ohne Computer (zwei Wochen am Meer oder in den Bergen) oder leg deinen Account mal für den ein oder anderen Monat – oder wie ich gleich für neun Monate – still und konzentriere deine Energie in dieser Zeit auf andere Dinge.

Falls du Kinder hast, die WoW spielen, trägst du einen Großteil der Verantwortung. Stelle klare Regeln auf im Umgang mit dem Spiel und seinen Auswirkungen im realen Leben. Schule, Sport, Freunde, geregelte Essens- und Schlafenszeiten haben Vorrang! Sicher sind Ausnahmen möglich, diese dürfen aber nicht die Regel werden.

Das oben angeführte Beispiel Andy ist ein Extremfall, der sicher nicht auf den Großteil der Spieler zutrifft. Aber manche seiner Erlebnisse wirken vielleicht vertraut. Und man kann sehen, dass er gegen alle oben genannten Punkte verstoßen hat. Dazu kam, dass seine Eltern das Suchtverhalten gefördert haben, beispielsweise indem ihm seine Mutter das Essen auch noch an den PC brachte.

Bei diesem Fall sieht man auch, dass das Alter keinen Schutz bietet. Als ich mit meiner ältesten Tochter kürzlich WoW zu spielen begann, warnte ein Lehrer: Er würde das Spiel grundsätzlich erst mit 16 erlauben. Für mich besteht das Problem hier dagegen vor allem darin, ob man mit seinen Kindern spielt bzw. integriert ist oder völlig planlos bzw. desinteressiert ist. Die Problemfälle entstehen in der letztgenannten Konstellation: Wenn Eltern keine Ahnung davon haben, was ihre Kids wirklich tun. Wenn die Medienkompetenz der Eltern in Sachen Computer gegen Null tendiert. Wenn es Eltern völlig egal ist, was ihre Kids tun, Hauptsache, sie haben ihre Ruhe.

Insofern ist es der erste Schritt besorgter Eltern, sich PC-Kenntnisse anzueignen. Ohne diese geht es im heutigen Leben sowieso kaum noch. Und vielleicht selbst mal zu spielen, gern auch zusammen mit den Kids. Es kann für Kinder auch ein tolles Erlebnis sein, die Eltern in ein Spiel einzuführen und hier einmal zu erleben, kompetent zu sein. Denn WoW verlangt eine Menge von einem Spieler und kann viel lehren, darüber bald mehr in einem anderen Posting. Insofern sollten diese Kompetenzen auch anerkannt werden.

Sollten Erwachsene feststellen, dass das Spiel einen zu großen Raum in ihrem Leben hat und sie der Sucht verfallen sind, empfehle ich das Hinzuziehen eines Therapeuten. Dies kann auch für betroffene Eltern ein guter Schritt sein – aber es muss Eltern klar sein, dass sie ihr Kind nicht dorthin abschieben – „Mach mal, dass mein Sohn wieder richtig funktioniert“ – sondern, dass sie selbst intensiv mitarbeiten müssen. Ein System funktioniert nur, wenn alle etwas tun.

In diesem Sinne: Frohes Spielen und ein erfüllendes reales Leben 🙂

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (No Ratings Yet)
Loading...

Veröffentlicht von

Aus der alten 2006er-Kurzvorstellung bei der Gilde Celeb Rana: "Jäger, der gern mit seinem geliebten Pet tagelang allein durch die Wildnis zieht und deshalb anfällig dafür ist, von leichtbekleideten, jungen Damen zu Instanzen und Hordenjagden eingeladen zu werden ;-)". Heute,...

52 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Leana,
    ich finde es sehr gut, dass du den Mut hast, auch auf die negativen Aspekte von WoW einzugehen. Ich arbeite seit einigen Jahren in China und erlebe fast täglich, dass Studenten in meinen Vorlesungen zusammenbrechen und nicht mehr ansprechbar sind, weil sie Nächte in Internet-Cafés verbringen, um dort WoW zu spielen. Mehr dazu in meinem Blogbeitrag: http://socialmedia-blog.net/china/online-spielsucht-heroin-aus-der-steckdose/

    Wo ist denn eurer Meinung nach die Schmerzgrenze? Wo hört der Spass auf und wo fängt die Sucht an?

  2. Pingback: Gwyddyn jagt wieder « WoW Blog von Gwyddyn

Schreibe einen Kommentar



Fatal error: Uncaught Error: Call to undefined function meta() in /www/htdocs/w013ec5c/telegamez.de/wp-content/themes/spiele/footer.php:40 Stack trace: #0 /www/htdocs/w013ec5c/telegamez.de/wp-includes/template.php(688): require_once() #1 /www/htdocs/w013ec5c/telegamez.de/wp-includes/template.php(647): load_template('/www/htdocs/w01...', true) #2 /www/htdocs/w013ec5c/telegamez.de/wp-includes/general-template.php(76): locate_template(Array, true) #3 /www/htdocs/w013ec5c/telegamez.de/wp-content/themes/baylys/single.php(32): get_footer() #4 /www/htdocs/w013ec5c/telegamez.de/wp-includes/template-loader.php(74): include('/www/htdocs/w01...') #5 /www/htdocs/w013ec5c/telegamez.de/wp-blog-header.php(19): require_once('/www/htdocs/w01...') #6 /www/htdocs/w013ec5c/telegamez.de/index.php(17): require('/www/htdocs/w01...') #7 {main} thrown in /www/htdocs/w013ec5c/telegamez.de/wp-content/themes/spiele/footer.php on line 40